* Für alle Fans von düster angehauchter Romantasy und unvorhersehbaren Plottwists *
Dark Magic Awakens ist ein abgeschlossener Romantasy-Einzelband rund um Liliana, Levi und einer Revolution, die das ganze Land erschüttert.


Inhalt
Eine junge Frau im goldenen Käfig
Ein Rebell auf der Suche nach Gerechtigkeit
Und ein Land am Rande der Revolution
Lilianas Leben scheint perfekt: Ihre Familie genießt großen Reichtum und sie selbst ist dem Kronprinzen versprochen. Doch als ihr kurz vor ihrer Verlobung der Geist ihrer toten Mutter erscheint, muss sie sich ihrer Vergangenheit stellen. Liliana erkennt, dass sie in höchster Gefahr schwebt. Denn in ihr schlummert ein magisches Erbe und auf Hexen wartet nur der Tod.
Ihre Suche nach der Wahrheit führt sie geradewegs in die Arme des Rebellenanführers, der Lilianas Herz auf verbotene Weise höherschlagen lässt. Doch auf ihren Schultern lastet das Schicksal des gesamten Landes – und Lügen und Verrat lauern außerhalb ihres goldenen Käfigs …
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Details
- Genre: Romantische Fantasy/ Dark Fantasy
- Altersempfehlung: Ab 14 Jahren
- Seiten: 604
- ET: 20.04.2023
- ISBN: 979-8386422516
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Kapitel 1
Liliana zerknüllte das Schriftstück zum einhundertsten Mal. Es wog schwer in ihrer Hand. So schwer wie die Worte, die mit schwarzer Tinte auf das vergilbte Papier gekritzelt waren. Sie waren durch die vielen Knicke kaum noch lesbar, doch sie kannte jedes Wort darin auswendig.
Seit sie den Brief letzte Nacht im Arbeitszimmer ihres Vaters gefunden hatte, hatte sie kein Auge mehr zugetan. Immer und immer wieder hatte sie die Worte gelesen, versucht, ihre Bedeutung zu verstehen. Doch ihr Kopf war so voll und gleichzeitig so leer, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Die Kutsche setzte sich ruckartig in Bewegung und holperte über das abgetretene Pflaster. Ihr unterer Rücken verspannte sich trotz der mit dunklem Samt überzogenen Sitzbank schmerzhaft und sie unterdrückte ein Stöhnen. Sie hasste Kutschfahrten.
Ihr Blick glitt zum Fenster. Trotz der geschlossenen Kutschtür kroch der Duft nach Regen und ersten Sonnenstrahlen zu ihr herein. Es war der beflügelnde Geruch von nasser Erde, wie man ihn nur kurz nach einem Regenschauer riechen konnte. Doch heute hinterließ er einen ranzigen Geschmack auf ihrer Zunge.
Den ganzen Morgen hatte es gewittert und die Gräser und Blumen waren gesprenkelt mit Wassertropfen, die in der Sonne glitzerten. Die Wolkendecke war aufgerissen und lange goldene Finger griffen nach dem grauen Nebel in den Straßen und verjagten ihn.
Die Strahlen erleuchteten die Zinnen der Kirche, die hoch in den Himmel aufragte, und ließen die bunten Glasfenster in allen nur erdenklichen Farben leuchten. Das Bild, das sich Liliana bot, wirkte fast so unwirklich wie in einem Traum. Würde sie an einen Gott glauben, wäre sie womöglich fest davon überzeugt, dass dies ein Zeichen war. Doch das tat sie nicht. Sie glaubte weder an Dias, den einzig wahren Gott, wie der Hohepriester und seine Anhänger zu predigen pflegten, noch an irgendwelche anderen Götter. Nicht seit den Ereignissen vor neun Jahren.
Ihr Blick glitt ein letztes Mal zu der mit Morgenreif, Moos und Efeu überzogenen Friedhofsmauer. Mit ihrem Finger fuhr sie bedächtig über den glatten Stein an ihrer Hand. Ein Smaragd, eingefasst in einen mit Rosenranken verzierten Ring aus Gold. Es war das Einzige, was ihr von ihrer Mutter geblieben war. Neun lange Jahre war es her, dass sie gestorben war. Nein, nicht gestorben. Sie war ihr genommen worden. Von den Menschen dieses Landes und den haltlosen Anschuldigungen ihrer Familie gegenüber in den Tod getrieben. Das hatte sie zumindest all die Jahre geglaubt, bis sie letzte Nacht den Brief gefunden hatte, der genau diese bestärkte und gar nicht mehr so haltlos aussehen ließ.
Ihre Finger verkrampften sich erneut um das mittlerweile schwitzige Papierknäuel. Sie musste dringend mit ihrem Vater sprechen. Sie musste wissen, ob das, was in dem Brief stand, der Wahrheit entsprach. Dass er der Grund für das Zerbrechen ihrer Familie und damit den Tod ihrer Mutter war.
Bei diesem Gedanken bäumte sich ihr Herz auf und sie holte zitternd Luft. Sie wischte sich über die Augen und blinzelte die störrischen Tränen fort, die sich hineingeschlichen hatten.
Mit zusammengepressten Kiefern richtete sie ihren Blick erneut aus dem Fenster und versuchte, ihre wirbelnden Gedanken auszublenden.
Die Kutsche fuhr durch eine der Prachtstraßen Lomdans, der Hauptstadt Esbrens. Sie war gesäumt von aneinandergereihten Fachwerkhäusern. Die goldenen Giebel glänzten in der Sonne und die schmucken Fensterläden aus dunklem Mahagoni zeugten von dem Wohlstand der Bewohner. Doch am schönsten waren die Fassadenbemalungen. Wanden sich an einer Hauswand Blumenranken empor, tötete an einer anderen einer der sagenumwobenen Ritter der alten Zeit ein geflügeltes Monster oder der Gott Dias wurde umgeben von seinen Anhängern in goldenem Licht dargestellt.
Die Bemalungen hatten Liliana schon immer fasziniert, denn sie liebte es, in Geschichten einzutauchen, und dachte seit jeher darüber nach, welche sich wohl hinter den kunstvollen Malereien verbargen. Doch selbst das wirkte heute unwichtig und trist.
Bedienstete öffneten die Fensterflügel und schüttelten Kissen aus oder fegten geschäftig die Stufen vor den mit aufwendigen Schnitzereien verzierten Türen. In diesem Teil der Stadt, der sich über die gesamte Breite zwischen der Kirche und dem Schloss erstreckte, lebten die reichen Kaufmänner und Bürger des Landes. Der Adel hingegen hatte sich etwas außerhalb der Hauptstadt auf seinen Landsitzen niedergelassen und mied den Gestank der Stadt, der von der braunen Brühe in den Gräben entlang der Straße ausging.
Die Kutsche ratterte über das glatt gewetzte Pflaster einer Brücke, die sich über einen Kanal spannte, der die Hauptstadt in zwei Hälften schnitt, und tauchte in ihr pulsierendes Herz ein.
Die Häuser auf dieser Seite des Kanals waren um einiges kleiner und schmiegten sich so eng aneinander, dass man nicht erkennen konnte, wo das eine aufhörte und das andere begann. Die Fassaden der Fachwerkhäuser waren mit Schmutz und Rissen überzogen, die Dächer bogen sich unter unsichtbaren Lasten und nicht wenige Fensterläden hingen schief in ihren Angeln. Zwischen den verschachtelten Häuschen erstreckte sich ein Labyrinth aus dunklen Gassen, in die man sich als Adelige nicht hineinwagen sollte. Manche waren so schmal, dass man das Gefühl bekam, von den Wänden der Nachbargebäude zerquetscht zu werden.
Liliana holte ein weißes Baumwolltuch aus ihrer Manteltasche und drückte es sich auf Mund und Nase. Rosenduft hüllte sie ein und dämpfte den erbärmlichen Gestank, der in der Luft lag. In diesem Teil der Stadt war es unerträglich. Das lag nicht nur an dem Dung der Marktrinder oder den Tieren, die durch die Gassen getrieben wurden. Mehr Menschen bedeutete mehr Gestank und die Gräben am Rand der Straße liefen fast über.
Doch obwohl sie den prächtigen Glanz hinter sich gelassen hatten, erblühte hier das Leben. Das geschäftige Treiben, der Lärm und das Stimmengewirr, das sich um sie herum erhob, zwang all ihre Gedanken zum Schweigen.
Männer schoben Karren beladen mit Heu, Holz, Mehlsäcken und Milch an ihnen vorbei. Das Klappern von Hufen hallte von den Häuserwänden wider und das durchdringende Gebrüll von Kühen und das Blöken von Ziegen und Schafen erfüllte die Luft. Frauen eilten, vollbepackt mit Wäsche und gefüllten Körben, den Fußweg entlang, riefen einander etwas zu oder blieben für einen Moment stehen, um sich über die neuesten Ereignisse auszutauschen. In all dem Gewirr rannten schreiend und lachend Kinder umher.
Zwischen den Giebeln der Häuser waren Wimpel über die Straße gespannt, die farbenfroh in der Sonne leuchteten. An den Fenstersimsen wehten die purpurnen, mit Gold bestickten Flaggen des Königs und an den Türen hingen Kränze aus Tannengrün, Efeu, Eukalyptus, Heide und roten Beeren. Offenbar waren die letzten Vorbereitungen für das Fest in vollem Gange.
Während der nächsten drei Tage und Nächte würde die Musik in diesen Straßen nicht mehr verklingen und die Tänze erst ein Ende finden, wenn die Feiernden vor Erschöpfung in ihre Betten fielen.
Liliana schluckte. Die Menschen hier wirkten so glücklich und frei von Verpflichtungen und Zwängen. Wie sie sie beneidete. Nein, in diesem Moment hasste sie sie dafür. Für ihre Unbeschwertheit und ihre Freude.
Die Straße wurde breiter und sie näherten sich dem Marktplatz. Das rege Treiben um sie herum verdichtete sich und sie kamen nur langsam voran. Ab und an lugte jemand durch ihr Kutschfenster und sie zog mit einem genervten Seufzer die Vorhänge zu. Sie hasste es, wenn die Leute sie anstarrten.
Während sie in der dämmrigen Kabine saß und durchgeschaukelt wurde, lauschte sie dem stetigen Lärm. Der Geräuschpegel war hoch und sie begrüßte es, dass sie keinen anderen Gedanken fassen konnte. Marktschreier boten ihre Waren feil und der Duft von frischem Gebäck bahnte sich seinen Weg durch die geschlossene Kutschtür, durch den Dunggestank und den Rosenduft ihres Tuches, und erinnerte sie daran, dass sie das Haus ohne Frühstück verlassen hatte.
Plötzlich durchschnitt ein Schrei das fast beruhigende Tosen. Er war anders als das Lärmen zuvor und holte sie mit einem Satz in die Wirklichkeit zurück. Es war kein freudiger Ausruf, sondern einer, der einem die Haare zu Berge stehen und das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein Schrei in Todesangst.
Dann brach Chaos um sie herum aus. Laute Rufe hallten durch die bis eben von Vorfreude gefüllten Straßen und vermischten sich mit dem Geschrei. Mit einem scharfen Ruck kam die Kutsche zum Stehen und Liliana fiel nach vorne. Mit ausgestreckten Armen fing sie sich an der gegenüberliegenden Sitzbank ab und blieb mit weit aufgerissenen Augen keuchend sitzen.
Was passierte hier?
»Collin?« Ihre Stimme brach. Sie krallte ihre Finger in das Samtpolster und versuchte, ihr aufgeschrecktes Herz zu beruhigen. »Collin?«
Keine Antwort.
Hatte der alte Kutscher sie wegen des Tumults nicht gehört?
Liliana nahm all ihren Mut zusammen und schob den Vorhang etwas zur Seite. Menschenmassen flohen aus Richtung des Marktplatzes. Die Gesichter blass, die Augen vor Angst weit aufgerissen und ihre Münder vor Entsetzen geweitet. Kinder klammerten sich wimmernd an ihre Mütter und alle trampelten über am Boden liegende Lebensmittel und Kleidung hinweg.
Collins faltiges Gesicht tauchte so plötzlich vor ihr auf, dass sie aufschrie. Seine Haut war genauso blass wie der Kragen des Hemdes, das unter seinem schwarzen Ledermantel hervorlugte.
»Mylady, Ihr müsst in der Kutsche bleiben!«, rief er über den Lärm hinweg.
Bevor Liliana fragen konnte, was vor sich ging, zog er einen langen Dolch unter seinem Mantel hervor und verschwand humpelnd aus ihrem Blickfeld. Sie wollte ihm hinterherrufen, dass er sie nicht allein lassen solle, doch nur ein kläglicher, quietschender Laut verließ ihre Lippen. Mit zitternden Händen zog sie die Vorhänge wieder zu und kauerte sich zusammen in dem Versuch, unsichtbar zu werden. Das Rauschen ihres Blutes in ihren Ohren überdeckte das anhaltende Geschrei draußen und ihr hektischer Atem hallte ungewöhnlich Laut in der düsteren Kabine wider.
Ruckartig wurde die Kutschtür aufgerissen und ein spitzer Ausruf verließ ihre Lippen. Bevor sie reagieren konnte, schlang jemand einen kräftigen Arm um ihre Taille und riss sie zurück. Mit voller Wucht wurde sie gegen die Sitzbank geschleudert und ein ersticktes Keuchen entfuhr ihr, als sich die harte Holzkante in ihren Rücken bohrte.
Hektisch rang sie nach Atem, doch ihr Angreifer verwehrte ihr die rettende Luft, indem er ihr seine große, behandschuhte Hand auf den Mund presste. Der Geruch von Leder, Schweiß und etwas Metallenem stieg ihr in die Nase.
Sie riss die Augen panisch auf und schlug um sich. Wie eine Raubkatze hieb sie mit ihren Fingernägeln nach ihrem Angreifer. Ihre Hände trafen auf Stoff und Leder, doch prallten nutzlos daran ab.
Der Eindringling stieß ein tiefes, unzufriedenes Brummen aus, das sie erzittern ließ, dann drückte sich kalter Stahl in das Fleisch an ihrem Hals. Entsetzt verharrte sie in ihrer Bewegung und wagte kaum zu atmen. Die Kälte der Klinge fraß sich durch ihren ganzen Körper. Haltsuchend krallte sie ihre Finger in ihren Mantel und versuchte zurückzuweichen. Dann verharrte sie reglos wie ein Reh im Angesicht des Todes und starrte in das Gesicht, das sich nur wenige Handbreit vor ihrem befand.
Der Mann trug einen Mantel, die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Stoff verdeckte seine untere Gesichtshälfte, nur die Augen waren zu sehen. Sie waren dunkel, fast schwarz, und blitzten wie Onyx.
Ein Zittern ergriff ihren Körper. Panik schwoll in ihrer Brust an und drohte, sie zu überrollen. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und die Hand auf ihrem Mund verbesserte die Situation nicht. Ihr wurde schwindelig und sie wusste, dass sie nur einen winzigen Schritt vor dem Abgrund stand. »Frauenleiden« oder »Hysterie« hatten die Ärzte diese Anfälle genannt, die sie seit dem Tod ihrer Mutter überkamen.
Etwas Weißes blitzte im Dunkeln der Kutsche auf und zog ihren Blick auf sich. Sie weitete die Augen, als auf der samtenen Bank ihr gegenüber eine Lilie ihre Knospen öffnete. Sie war schneeweiß und schimmerte leicht. Normalerweise wäre Liliana spätestens jetzt den Abgrund hinuntergestürzt, doch von der Blume, die nicht existieren durfte, ging etwas seltsam Beruhigendes aus und ihr Atem verlangsamte sich augenblicklich.
Erneut ertönte ein kehliges Geräusch und die Klinge grub sich tiefer in ihr Fleisch, zwang ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Fremden und schickte ihr eine eindeutige Botschaft. Am liebsten hätte sie geweint, doch selbst ihre Tränen versteckten sich aus Angst. Sie wollte nicht sterben.
Stille umfing sie und nur ihre gepressten Atemzüge waren in der Kutsche zu hören. Angespannt wartete sie auf seinen nächsten Zug.
Was wollte er von ihr?
Von draußen drangen dumpfe Rufe zu ihnen herein. Dann ein Klopfen an der Tür. »Mylady.«
Collin!
Sie wollte sich aufbäumen, nach Hilfe schreien, doch die Klinge an ihrem Hals hielt sie davon ab. Sie starrte nur weiter in die schwarzen Augen ihres Gegenübers. Wenn sie nicht antwortete, würde der Kutscher die Tür öffnen und er säße in der Falle.
Offenbar ahnte das auch ihr Angreifer, denn er verstärkte den Griff um das Heft des Dolches und lockerte gleichzeitig den Druck auf ihren Mund. Eine unmissverständliche Aufforderung. Und eine Warnung. Dann verschwand seine Hand und sie rang keuchend nach Luft.
»Mylady, ich öffne jetzt die Tür.«
»W-warte!«, presste sie hervor.
Stille.
»Alles in Ordnung?«
Liliana versuchte, ihre zitternde Stimme unter Kontrolle zu bekommen. »Ja, alles in Ordnung. Lass uns weiterfahren.«
Stille. Quälend langsam verstrichen die Sekunden. Die Anspannung in der Kutsche war beinahe greifbar. Wenn Collin die Tür jetzt öffnete, wäre das ihr Todesurteil. Sie würde sterben, durch einen sauberen Schnitt an der Kehle.
»Wie Ihr wünscht, Mylady.«
Liliana hätte am liebsten vor Erleichterung geseufzt, doch sie presste die Lippen fest aufeinander.
Die Kutsche erzitterte unter dem Gewicht des Kutschers, dann knallte eine Peitsche und sie setzten sich mit einem Ruck in Bewegung, der ihren Hals ins Messer trieb. Erschrocken kniff sie die Augen zusammen, doch der erwartete Schmerz blieb aus. Stattdessen packte der Fremde sie an den Schultern und fing sie auf.
Verblüfft blinzelte sie. Der Dolch war von ihrer Kehle verschwunden und ihr Angreifer hatte sie vor dem Fallen bewahrt.
»W…«
Bevor sie etwas sagen oder fragen konnte, war die Klinge an ihren Hals zurückgekehrt. Liliana sog scharf die Luft ein, verstummte aber.
Die Kutsche holperte über das unebene Pflaster und sie beobachtete den Mann ihr gegenüber. Er hatte den Kopf schräg gelegt, als würde er lauschen, und sie sah nur sein im Schatten liegendes Profil.
War er für den Tumult auf dem Marktplatz verantwortlich? Dann wurde er mit Sicherheit überall von den Soldaten gesucht. Er hatte keine Chance zu entkommen und doch strahlte er eine selbstsichere Ruhe aus.
Die Zeit verstrich mit dem steten Hufgeklapper der Pferde. Bis zum Rathaus war es nicht mehr weit.
Ohne Vorwarnung setzte der Fremde sich in Bewegung und Liliana zuckte zusammen. Ehe sie die neue Situation erfasste, verschwand das kühle Metall von ihrem Hals. Ihr Angreifer ließ den Dolch behände zwischen den Fingern kreisen und in einem Futteral unter seinem Mantel verschwinden. Dann stieß er ohne ein Wort die Tür der Kutsche auf, sprang aus dem fahrenden Gefährt und verschwand so schnell, wie er gekommen war, in den Schatten einer Gasse.
Ihr Herz raste und sie hatte das Gefühl, aus jeder Pore ihres Körpers zu schwitzen. Ihre Hände tasteten über den schwarzen Samtstoff, doch die Lilie war verschwunden. Hatte sie sich die Blume in ihrer Panik nur eingebildet?
»Mylady!«
Collins Stimme drang zu ihr durch und sie hob blinzelnd den Kopf. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass die Kutsche angehalten und er die Tür geöffnet hatte.
»Mylady! Seid Ihr verletzt? Geht es euch gut?« Der alte Kutscher beugte sich zu ihr und sah sie mit sorgenvoller Miene an.
Ihr wurde schlagartig bewusst, was für ein Bild sie abgeben musste. Fahrig fuhr sie sich durch das schweißnasse Haar und versuchte sich an einem krampfhaften Lächeln. Hinter Collin hastete ein Trupp Soldaten vorbei und erst jetzt nahm sie ihre Umgebung wahr.
»Collin, was ist passiert?«, fragte sie den alten Kutscher und ließ sich von ihm aufhelfen. Bevor sie ausstieg, stopfte sie schnell den zerknüllten Brief in ihre Manteltasche, der auf den Boden gefallen war. Dann trat sie hinaus und weitete ihre Augen bei dem Anblick, der sich ihr bot.
Sie standen vor dem Eingang zum Rathaus. Doch das imposante Gebäude, dessen Giebel mit goldenen Statuen verziert waren, rückte vor der Kulisse des Schreckens in den Hintergrund. Auf dem abgetretenen Pflaster hatte man schmutzige Tücher ausgebreitet, unter denen schwarze Stiefel hervorlugten. An den silbernen Zehenkappen erkannte sie, dass es sich um Soldaten ihres Vaters handelte. Sie waren tot.
»Sucht in jeder Gasse und in jedem Winkel. Wenn es sein muss, stellt ihr die gesamte Stadt auf dem Kopf! Findet diese elenden Ratten!«
»Jawohl, Sir!«
Liliana fuhr herum und sie erkannte Eric Wolton, den Unteroffizier ihres Vaters. Eine Gruppe Soldaten salutierte, die Faust auf Höhe ihres Herzens, dann eilten die Männer davon. Ihre Gesichter von entschlossener Grimmigkeit gezeichnet.
Eric wandte sich um und ihre Blicke kreuzten sich. Er wurde blass und kam auf sie zugeeilt. Mit einer leichten Verbeugung blieb er vor ihr stehen.
»Mylady, ich bitte Euch. Dies ist wahrlich kein Ort für eine Dame. Bitte zieht Euch auf Euren Landsitz zurück, bis sich die Lage beruhigt hat.«
»Sir Wolton, was ist hier geschehen?«
»Die Rebellen, Mylady, sie haben versucht, Eurem Vater zu schaden.«
Liliana wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. »M-mein Vater, geht es ihm gut?«
»Seid unbesorgt, Mylady, Euer Vater ist wohlauf.«
Erleichtert presste sie sich die Hand auf die Brust und atmete mehrfach tief ein und aus.
»Ich muss ihn sehen«, sagte sie, ungeachtet seiner Einwände, und drehte sich zum Eingang um.
»Mylady, ich bitte Euch. Wartet zu Hause, bis Euer Vater heimkehrt.«
Ohne ihn zu beachten, raffte Liliana ihren Rock und eilte durch die geöffnete Flügeltür des Rathauses.
»Mylady …«
Sie wurde von der Kühle des Gemäuers umschlossen und blieb abrupt stehen. Dunkelrote Schlieren zogen sich über den schwarz-weiß gekachelten Marmorboden. Ein Dutzend Soldaten saßen oder lagen auf dem Boden. Ihre Verbände waren blutgetränkt. Von den kahlen Wänden hallte das gequälte Keuchen und Stöhnen der Verwundeten wider. Ein metallischer Geschmack legte sich auf Lilianas Zunge und sie bemühte sich, einen Würgereiz zu unterdrücken.
Fahrig fischte sie ihr Tuch aus der Tasche und presste es sich auf die Nase. Dann hastete sie weiter, die gegenüberliegende, abgetretene Steintreppe hinauf und durch einen dunkel getäfelten Korridor. Der metallische Geruch verfolgte sie und der Angreifer aus der Kutsche kam ihr wieder in den Sinn. Er war ohne Zweifel einer der Rebellen. Wie viele dieser Soldaten hatte er auf dem Gewissen?
Sie erschauderte. Sie hatte einem Mörder gegenübergesessen. Einem Mann ohne Gewissen, der sie ohne Zweifel getötet hätte, hätte er gewusst, wer sie war. Die Tochter des Schatzmeisters des Königs. Desjenigen, der für all die unschuldigen Toten vor neun Jahren verantwortlich war.
Tränen brannten hinter ihren Lidern, doch sie blinzelte sie fort. Sie hatte keine Zeit, sich ihren Gefühlen zu ergeben. Sie musste wissen, ob das, was in dem Brief stand, wahr war. Und sie musste mit eigenen Augen sehen, dass er wohlauf war. Er war ihr Vater. Selbst wenn er es getan hatte, selbst all die Jahre missachtend, in denen er sie kaum beachtet und sich dem Alkohol hingegeben hatte. Ungeachtet all dessen war er noch immer ihr Vater. Der Mann, der ihr die Sternbilder am Himmel erklärt hatte. Der Mann, der ihr heimlich ihre Lieblingszitronentörtchen zugesteckt hatte. Der Mann, der …
Sie blieb vor einer großen, doppelflügeligen Tür stehen, die von einem Dutzend Soldaten flankiert wurde, die ihr den Weg versperrten. Sie fixierten Liliana, die Mienen grimmig verzogen.
»Lasst mich durch. Ich möchte zu meinem Vater.«
Ein junger Soldat in der vorderen Reihe ergriff das Wort. »Es tut mir leid, Mylady. Aber wir haben die Anweisung, niemanden hineinzulassen.«
»Aber ich muss zu meinem Vater.«
»Mylady, wir haben unsere Befehle.«
Sie starrten einander eine Weile an, doch seine Miene blieb starr wie Stein. Unschlüssig stand Liliana da und krallte die Finger in ihren Rock. Sie hatte es satt, so behandelt zu werden. Wäre sie ihres Vaters Sohn, müsste sie diese Unterhaltung nicht führen.
Hinter den Soldaten wurde einer der Türflügel aufgestoßen und die Stimme ihres Vaters polterte zu ihnen heraus. »Ihr Taugenichtse! Wie konnten die Rebellen …«
Sir Wilhelm stand im Rahmen und sah sie überrascht an. Hastig schloss er die Tür hinter sich und Liliana konnte nicht weiter hören, was ihr Vater sagte.
»Sir Wilhelm, ich möchte …«
»Mylady, kommt.« Er unterbrach sie abrupt, nahm sie am Ellenbogen und zog sie von der Tür fort.
Zu überrascht von seiner Reaktion, als dass sie sich darüber erzürnte, ließ sie sich mitschleifen. Sir Wilhelm war der Hauptmann der Soldaten ihres Vaters. Nie hatte er es gewagt, sie zu unterbrechen, geschweige denn ungefragt mit sich zu zerren.
»Sir Wilhelm, ist etwas mit meinem Vater? Nun sagt schon!«
Er zog sie weiter mit sich, doch schüttelte zu ihrer Erleichterung den Kopf. Am Ende des schummrigen Gangs blieb er schließlich stehen und versperrte ihr die Sicht auf das Arbeitszimmer ihres Vaters.
»Mylady, bitte wartet einen Moment hier«, sagte er mit ernster Miene. »Ich möchte nicht, dass … Ihr diesen Anblick ertragen müsst.«
Bei seinen Worten verkrampfte sich ihr Herz. Was war geschehen?
Sie schloss ihre Finger um das Papierknäuel in ihrer Manteltasche. Dem Brief hatte ein weiterer Zettel mit einer eindeutigen Botschaft beigelegen. Denn er war von einem Pfeil mit schwarzen Federn durchstoßen überbracht worden.
»Der nächste Pfeil trifft sein Ziel.«
Ihr wurde übel und erneut rann ihr kalter Schweiß über die Stirn.
Das Quietschen der Türflügel und das Echo schwerer Stiefel holte sie aus ihren Gedanken. Bevor Sir Wilhelm sie davon abhalten konnte, spähte sie an ihm vorbei. Ein spitzer Schrei entfuhr ihren Lippen und sie wünschte, sie hätte auf den Hauptmann gehört.
Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper und sie hatte das Gefühl, jeden Moment ihren Mageninhalt zu verlieren.
Vier Soldaten brachten eine Trage aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters. Der Körper eines älteren Mannes lag darauf, ein Arm baumelte kraftlos an der Seite hinab und ein mit schwarzen Federn bestückter Pfeil ragte aus seiner Brust. Ein schmales Rinnsal Blut klebte ihm getrocknet im erschlafften Mundwinkel.
Liliana erkannte ihn. Es war Lupin, der Sekretär ihres Vaters. Und der Pfeil, der für ihren Vater bestimmt war, steckte nun in seiner Brust. Er hatte sein Ziel verfehlt.
Ihr Blickfeld verschwamm und sie schwankte leicht. Sir Wilhelm stützte sie, bevor sie auf den harten Marmorboden stürzte. Schwer atmend blinzelte sie, um klare Sicht zu erlangen. Das Blut rauschte in ihren Ohren und ihr Atem hallte laut von den kahlen Wänden wider.
Langsam hob sie den Blick und richtete sich mit Hilfe des Hauptmanns auf. Die Trage war verschwunden und nur das Dutzend Wachen blieb zurück.
»Ich möchte zu meinem Vater«, wisperte sie. Alle Kraft hatte ihre Stimme verlassen.
Sir Wilhelm nickte zu ihrer Erleichterung, hatte die Lippen aber zu einem grimmigen Strich gepresst. Er geleitete sie zur Tür und die Soldaten traten mit einer leichten Verbeugung zur Seite.
Als sie in das Arbeitszimmer ihres Vaters schritt, bemühte sie sich um ein aufrichtiges Lächeln und hoffte, dass sie nicht allzu blass aussah. Doch ihr Herz fühlte sich an wie in kleine Stücke gehauen. Der Angreifer, der sie in der Kutsche überrascht hatte, den sie fliehen lassen hatte, war für all das hier verantwortlich.
Sie biss die Zähne kräftig zusammen, um das Brennen in ihren Augen zu vertreiben.
Sie hatte einen Mörder entkommen lassen.
Kapitel 2
Ihr Vater saß hinter einem massiven Schreibtisch aus Mahagoni, der, anders als man in diesen kargen Gemäuern erwarten würde, mit aufwendigen Schnitzereien verziert war. Ranken wanden sich um die Tischbeine wie Schlingpflanzen und an den Kanten wurden Könige geboren, lebten und starben. An der steinernen Wand in seinem Rücken hing ein großer purpurner Teppich mit dem goldenen Wappen des Königs und dem ihrer Familie. Rose und Narzisse vereint.
Lilianas Eintreten blieb nicht unbemerkt. Ihr Vater hob den Blick von seinen Unterlagen und sah sie über eine tiefsitzende Nickelbrille an. Sein Gesicht war eingefallen und gräulich. Dunkle Schatten lagen unter seinen braunen Augen, mit denen er sie stumpf musterte. Er sah so unendlich müde aus.
»Guten Tag, Vater.« Sie knickste höflich.
Die Furchen auf seiner Stirn vertieften sich bei ihrem Anblick und sie schrumpfte unter seinem Blick. Ohne die Begrüßung zu erwidern, faltete er das Schriftstück vor sich zusammen, ließ geschmolzenes Wachs darauf tropfen und versiegelte den Brief mit seinem Wappenstempel. Eine Rose, durchstochen von einem Schwert. Dann reichte er ihn einem Jüngling, der nach einer schludrigen Verbeugung an ihr vorbeihastete. Alles an seinem Gebaren ließ Liliana wissen, an wen der Brief adressiert war. Den König höchstpersönlich.
Ihr Vater lehnte sich in seinem lederbezogenen Stuhl zurück, nahm die Brille ab und rieb sich den Nasenrücken. Dann bedeutete er den übrigen Anwesenden mit einer flapsigen Handbewegung, sie allein zu lassen.
Nachdem alle stumm die Flucht ergriffen hatten und die Tür mit einem dumpfen Poltern ins Schloss gefallen war, breitete sich Stille um sie herum aus. Unschlüssig stand sie mitten im Raum und sah ihren Vater abwartend an. Hätte sie keine so strenge Erziehung genossen, würde sie jetzt unruhig von einem Bein auf das andere treten. Doch sie blieb aufrecht und mit durchgedrücktem Rücken im Raum stehen, obwohl ihr Herz innerlich gegen ihren Brustkorb sprang wie das eines verschreckten Rehs.
Ihr Vater hatte sich mittlerweile aus seinem Stuhl gehievt und umrundete den massiven Schreibtisch. Einzelne graue Strähnen hatten sich aus seinem strengen Zopf gelöst und standen wild von seinem Kopf ab. Leicht nach vorne gebeugt, als trüge er das gesamte Gewicht der Welt auf den Schultern, schlurfte er an ihr vorbei. Sie machte Anstalten, zu ihm zu eilen und ihn zu stützen, doch er winkte ab und bedeutete ihr stumm, ihm zu folgen.
An einer Gruppierung aus Polstermöbeln ließ er sich stöhnend in einen Sessel fallen. Auf dem kleinen weißen Marmortischchen vor ihm stand eine halbleere Karaffe mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit darin und daneben ein einsames Glas.
Er hatte getrunken. Sie wusste, dass er ihre Mutter schrecklich vermisste. Die beiden waren so glücklich miteinander gewesen. Bis vor neun Jahren. Seither lag über ihrem Vater ein ungreifbarer Schatten. Er war wie von einer Blase der Traurigkeit umgeben, die ihn langsam ertränkte.
Schweigend ließ sie sich auf der Kante des weichen Sofas zu seiner Rechten nieder. Ihr gegenüber stand ein massiver, aus dunklem Stein gefertigter Kamin, in dem kein Feuer brannte. Trotz des Mantels, den sie trug, zitterte sie und wünschte, es würde jemand kommen und es entzünden. Doch sie rührte sich nicht. Sagte nichts. Kerzengerade und mit durchgedrücktem Rücken blieb sie sitzen und beobachtete, wie ihr Vater nach der Karaffe griff und sein Glas füllte.
Wann hatte er das letzte Mal gelacht? Nicht dieses aufgesetzte Lächeln, das er seit dem Tod ihrer Mutter zur Schau stellte. Nein, das kehlige Lachen, das er ihr früher geschenkt hatte. Das Lachen, das sie an gemeinsame Picknicke im Garten erinnerte. Das Lachen, das seine Augen strahlen ließ wie einen Sonnenaufgang, wann immer er sie seine Lily nannte. Ein Kosename, den sie seit Jahren nicht mehr zu hören bekommen hatte.
»Was machst du hier?«
Seine barsche Stimme ließ sie zusammenzucken. Sie hatte damit gerechnet, dass er nicht sonderlich erfreut über ihren Besuch sein würde. Doch dass er nicht einmal fragte, ob sie wohlauf sei, versetzte ihr trotzdem einen kleinen Stich.
»Ich …« Sie schielte prüfend zu ihm. »Vater, was ist hier geschehen? Ich habe Lupin gesehen. Geht es Euch gut?«
Ihr Vater nahm einen großen Schluck von der dunklen Flüssigkeit. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, als würde er Wasser trinken.
»Ich lebe und alles andere ist nichts, was eine junge Dame wie dich kümmern müsste.«
Lilianas Hände verkrampften sich in ihrem Schoß. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr seine Worte sie trafen, und schenkte ihm ein Lächeln. Ihre Finger stießen auf den Papierklumpen in ihrer Manteltasche, doch sie holte ihn nicht raus. Sie wusste nicht, wie sie dieses Gespräch beginnen sollte. Nicht, wenn er sie mit diesem stechenden, missbilligenden Blick musterte. Vielleicht war sie auch feige und hatte Angst davor, was sie in seinen Augen sah, sobald sie die Frage stellte.
Also schluckte sie all die Worte, die in ihrer Kehle brannten, krampfhaft hinunter.
»Ich war vorhin Mutter besuchen. Schaut Ihr später bei ihr vorbei? Sie wird sich sicher freuen, Euch zu sehen.« Ihr war aufgefallen, dass auf dem Grab keine Blumen gelegen hatten. Jedes Jahr, egal wie früh sie sich auf den Weg zum Friedhof gemacht hatte, war ihr Vater schneller gewesen. Er hatte sie immer frühmorgens besucht und ihr rosa Lilien aufs Grab gelegt, bevor er sich seiner Arbeit widmete. Ihre Lieblingsblumen waren Bekundungen seiner immerwährenden Liebe.
Der Gesichtsausdruck ihres Vaters verfinsterte sich. »Deine Mutter ist tot. Sie kann mich nicht sehen und würde sich mit Sicherheit auch nicht auf mich freuen, wenn sie könnte«, fuhr er sie barsch an.
Liliana zuckte bei der Härte seiner Worte zusammen. Sie wusste, dass er sich für den Tod ihrer Mutter verantwortlich fühlte. All die Jahre hatte sie das für Schwachsinn gehalten. Ihr Vater war der gütigste Mensch, den sie kannte. Er hatte sich stets für die Armen eingesetzt, hatte ihnen Arbeit gegeben und Unterkünfte gebaut.
Ihre Finger streiften das Papierknäuel erneut. Hatte sie sich so in ihm getäuscht?
»Aber Vater, heute ist Mutters Todestag«, wagte sie zu protestieren.
Ihr Vater hob die Hand und brachte sie zum Schweigen. »Genug. Ich will nichts mehr davon hören.« Seine Stimme duldete keinen Widerspruch. Er war jedes Jahr der Erste an ihrem Grab gewesen, doch nach seiner erneuten Vermählung im vergangenen Jahr hatte sich offenbar auch das geändert. Es war der einzige Teil an ihm, der ihr noch vertraut gewesen war. Das Einzige, wodurch sie sich mit ihm verbunden gefühlt hatte. Jetzt war es, als spräche sie mit einem Fremden. Ein Vater nur im Namen.
Liliana presste ihre Lippen so fest aufeinander, dass sie nur noch eine schmale Linie waren. Dann senkte sie ergeben den Blick.
»Es tut mir leid, dass ich Euch bei der Arbeit gestört habe.« Sie erhob sich. »Ich sollte besser nach Hause gehen.«
»Die Herzogin hat mir erzählt, dass du dich weigerst, heute Abend dem Ball beizuwohnen.«
Liliana stockte in ihrer Bewegung und ließ sich wieder zurück auf das Polster sinken. »Vater, heute ist Mutters Todestag. Ich kann beim besten Willen nicht an einem Ball teilnehmen und mich amüsieren.«
»Liliana, du hast Verpflichtungen. Du wirst dieses Jahr einundzwanzig Jahre alt. Du wirst den Kronprinzen heiraten, deinen eigenen Haushalt leiten und dich in der Gesellschaft behaupten müssen. Vergiss nicht deine Stellung!«
»Aber …«
»Nichts aber«, polterte er so laut, dass sie in sich zusammensank wie ein Sack Mehl.
Sie machte sich möglichst klein, als könne sie so die Angriffsfläche seiner Wut verringern.
»Ich habe dir die letzten Jahre zu viele Freiheiten gewährt. Damit ist jetzt Schluss, du kannst dich nicht ewig verkriechen. Du gehst auf den Ball und damit ist dieses Gespräch beendet.«
Die Worte ihres Vaters schmerzten. Liliana schluckte hart. Tränen der Wut und Enttäuschung stiegen ihr in die Augen und sie biss sich auf die Lippe, um deren Beben zu verbergen.
»Ja, Vater«, flüsterte sie erstickt und ergab sich ihrem Schicksal, wie es eine gute Tochter tat.
»Gut, geh jetzt und mach dich für heute Abend zurecht. Die Herzogin hat dir ein Kleid schneidern lassen, das einer zukünftigen Königin würdig ist.«
Liliana sah ihn nicht an, doch sein bohrender Blick stach in ihre Haut. Sie wusste genau, was er dachte. Sie war eine Enttäuschung für ihn.
Der Landsitz ihrer Familie lag außerhalb des geschäftigen Treibens der Hauptstadt, inmitten grüner Wiesen. In der Ferne sah man ein paar Pferde friedlich grasen und das Gezwitscher der Vögel begleitete sie den gewundenen Pfad hinauf zu dem großen Backsteingebäude am Ende der mit Birken gesäumten Allee. Sie passierten das schmiedeeiserne Tor und ein Stallbursche zog den Hut und verneigte sich leicht.
Collin lenkte die Kutsche um einen Brunnen in der Mitte des gepflasterten Hofes. Marmorne Rösser türmten sich darin und Wasser sprudelte aus ihren nach oben gereckten Mäulern. Er drosselte die Pferde vor den steinernen Stufen, die hinauf zur hölzernen Eingangstür führten. Nachdem er Liliana aus der Kutsche geholfen hatte, verneigte er sich leicht und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Dann humpelte er zurück zum Kutschbock und schwang sich darauf. Vor zwei Jahren hatte ihm eines der Pferde einen kräftigen Tritt verpasst und sein Bein zertrümmert. Es war nie vollständig verheilt.
Liliana wandte sich den Stufen zu. Ein Dienstbote öffnete den schweren Flügel für sie, der in das kühle Gemäuer führte.
»Dias sei Dank, da seid ihr ja!«, rief Elisabeth und flog die breite Treppe regelrecht herunter. Die untersetzte Haushälterin blieb schwer schnaufend vor ihr stehen, auf ihren runden Wangen prangten unansehnliche rote Flecken. Sie war völlig außer Atem und ihr üppiger Busen hob sich so heftig, dass Liliana Angst hatte, ihre schwarze Dienstbotenuniform würde jeden Moment aus allen Nähten platzen.
»Guten Tag, Beth.«
»Lady Liliana, die Herzogin, Eure Mutter, wartet oben auf Euch«, fuhr Elisabeth nach Luft ringend fort. Dann senkte sie die Stimme und flüsterte: »Sie ist sehr schlecht gelaunt, seid vorsichtig.«
Eure Mutter wartet oben auf Euch.
Ihre Mutter war tot.
Liliana lächelte sie an. Die Haushälterin arbeitete fast so lange für ihre Familie wie Collin. Sie war wie eine zweite Mutter für sie und die letzten Jahre hätte sie ohne ihre liebevolle Fürsorge nicht überstanden. Ihre Stiefmutter sah es nicht gern, dass sie so vertraulich mit den Dienstboten umging. Sie war der Meinung, dass sie unter ihrer Würde waren und sie den Umgang mit ihnen nicht pflegen solle, außer um sie herumzukommandieren.
Was sich in der Stadt zugetragen hatte, schien noch nicht bis hierher durchgedrungen zu sein. Und sie würde nicht diejenige sein, die sie in Aufruhr versetzte.
»Danke, Beth. Was würde ich nur ohne dich tun?«, fragte Liliana gequält.
Beth lachte auf und tätschelte ihr die Wange. »Oh Liebes, Ihr wärt ganz schön aufgeschmissen, nicht wahr? Und jetzt kommt. Schnell.« Die Haushälterin packte Liliana am Ellenbogen und sie ließ sich ohne Widerworte von ihr mitziehen.
Gemeinsam erklommen sie die mit rotem Teppich überzogenen Holzstufen. Die Porträts ihrer Vorfahren an den dunkel getäfelten Wänden zeugten von dem Alter des Gemäuers und wurden von dem leisen Knarzen bei jedem ihrer Schritte untermalt. Auf halber Höhe formte die Treppe ein kleines Podest und teilte sich. Ein paar Stufen führten in den Ost- und die anderen in den Westflügel. Das Arbeitszimmer ihres Vaters und die privaten Gemächer von ihm und der Herzogin befanden sich im Westflügel. Im Ostflügel hingegen hatte Liliana ihr Zimmer, zusammen mit einer großen Bibliothek und einem Musizierzimmer.
Liliana blieb auf dem Podest stehen und blickte hinauf zu dem großen Gemälde, das die gesamte Wandbreite einnahm. Das Gesicht ihres Vaters, ihrer Mutter und ihr eigenes lächelten ihr entgegen. Ein Bild aus längst vergangener Zeit. Einer Zeit, in der sie glücklich gewesen waren. In der sie glücklich gewesen war.
Schweren Herzens wandte sie sich ab und setzte ihren Weg in den Ostflügel fort. Ein langer Korridor erstreckte sich vor ihnen, der kein Ende zu nehmen schien. Zu ihrer Rechten reihten sich riesige Sprossenfenster aneinander, die vom Boden bis zur Decke reichten. Detailreiche, mit geschnitzten Rosenranken überzogene Holzsäulen standen zwischen jedem der Fenster und formten sich hoch über ihnen zu spitz zulaufenden Bögen. Die schweren purpurnen Vorhänge waren nach Lydias Einzug vor einem Jahr strahlend elfenbeinfarbenen, mit Goldfäden durchsetzten Gardinen gewichen.
Zu ihrer Linken reihte sich eine gleich aussehende Zimmertür an die nächste. Bis auf eine, die offen stand.
»Euer Gnaden? Die Lady ist zurückgekehrt«, kündigte Beth sie an, als betraten sie nicht ihr eigenes Zimmer.
Die Herzogin stand mit dem Rücken zu ihnen am Fenster, von dem man einen unvergleichlichen Ausblick auf die Ländereien hatte. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ihre kunstvoll hochgesteckten blonden Haare gaben den Blick auf ihren langen Hals und ihre schmale Taille frei. Sie trug ein knallrotes Kleid, das an den Schultern frei lag. Es war aufwendig mit roten und goldenen Rosen bestickt und glitzerte im Licht des Kronleuchters. Eine ebenso rotgoldene Schleppe war mit zwei Broschen auf Höhe ihrer Schulterblätter angebracht, was sie aussehen ließ wie hinunterhängende Flügel. Lydia war wie immer erpicht darauf, das prächtigste, aufwendigste und vermutlich auch teuerste Kleid von allen auf dem Ball zu tragen.
Beth drückte Liliana leicht am Arm, dann zog sie sich schweigend zurück. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken hinter ihr ins Schloss.
Stille umfing sie. Liliana schluckte nervös. Das Gefühl, mit jeder verstrichenen Sekunde würde die Luft im Raum dünner und erdrückender, ließ ihren Mund austrocknen.
»Du kommst spät.« Lydias Stimme schnitt wie ein Messer durch die Stille.
»Ich habe meine Mutter besucht.«
Ihre Stiefmutter drehte sich um und fixierte sie mit zusammengekniffenen Augen, was sie wie eine Schlange auf der Jagd aussehen ließ. Und sie war die Beute.
Sie hielt den Atem an.
Lydias stechender Blick wanderte von ihren Haarspitzen bis zu den Sohlen und wieder hinauf. »Was um Himmels willen hast du da an?«
Verlegen nestelte Liliana an einer Naht ihres Mantels. Braune Schlieren verdreckten den weißen Stoff. Graberde, die sie, ohne es zu merken, an ihrem Mantel abgewischt hatte.
Lydia schüttelte den Kopf, der Missmut war ihr wie ins Gesicht gemeißelt. »Zieh dieses scheußliche … Etwas sofort aus! Hoffentlich hat dich so niemand gesehen. Was für eine Blamage, eine Schande für die Familie.«
Liliana gehorchte, unfähig zu widersprechen. Sie ließ den Mantel an Ort und Stelle zu Boden fallen und verschränkte ihre zitternden Hände ineinander. Sie hasste sich für ihren verräterischen Körper.
Lydia war erst vor etwas mehr als einem Jahr in ihr Leben getreten. Ihr Vater hatte die Witwe bei sich aufgenommen, da sie nach dem Tod ihres Mannes all ihren Besitz verloren hatte. Anfangs hatte Liliana sich gefreut, dass er aus seinem Sumpf der Verzweiflung aufgetaucht war. Doch nachdem er Lydia kurz darauf geheiratet hatte, war sie eines Besseren belehrt worden. Die neue Herzogin war launisch und herrisch und der größte Dorn in ihren Augen war Liliana. Es gab absolut nichts, womit sie Lydia zufriedenstellen konnte.
»Was stehst du da so rum wie ein dummes Huhn? Ich will, dass du alles ausziehst, du läufst rum wie ein Bauerntrampel.«
Liliana wusste, dass die Herzogin keine Widerworte duldete. Sie hatte aus alten Fehlern gelernt, denn ihre Stiefmutter verstand es ausgezeichnet, jemanden davon abzubringen, diese ein weiteres Mal zu begehen.
Wie ferngesteuert entledigte Liliana sich ihrer Kleidung und legte sie säuberlich auf das Himmelbett zu ihrer Rechten, bis sie splitternackt vor ihrer Stiefmutter stand.
Lydia begutachtete sie und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln, den Blick auf die leichten rosa Striemen an ihrer Hüfte geheftet. Ihrer Miene nach zu urteilen, würde sie diese heute gern vertiefen.
Lilianas Muskeln verspannten sich zitternd und ihr Blick glitt panisch zwischen Lydia und dem Schreibtisch hin und her. Doch der dünne, ihr so schmerzlich bekannte Stock war nirgends zu entdecken.
Ihre Stiefmutter läutete ein kleines Glöckchen und die Zimmertür in Lilianas Rücken wurde geöffnet.
»Euer Gnaden haben gerufen?«, piepste eine Mädchenstimme hinter ihr.
»Geleite die Lady ins Badezimmer. Sorge dafür, dass sie ansehnlich für den heutigen Ball ist. Es ist ein sehr wichtiger Abend.« Sie ließ sich auf dem Stuhl hinter Lilianas Schreibtisch nieder, verschränkte die Arme erneut und hob auffordernd ihre Augenbrauen. »Habe ich undeutlich gesprochen? Beeil dich gefälligst«, blaffte sie das Mädchen an.
»Wie Ihr wünscht«, erwiderte die Dienstbotin eilig. Dann wandte sie sich Liliana zu. »Mylady, bitte folgt mir.«
Ohne zu zögern kam Liliana ihrer Bitte nach und begleitete sie in den angrenzenden Raum. Das Mädchen war recht jung, vielleicht elf, höchstens zwölf Jahre alt. Sie hielt den Blick stets gesenkt, offenbar zu schüchtern, um ihr in die Augen zu sehen. Sie musste neu im Haushalt sein, denn Liliana erinnerte sich nicht daran, sie schon einmal gesehen zu haben.
Die großen Fenster ließen die Sonnenstrahlen ins Badezimmer und erleuchteten die Wände und den Boden aus schneeweißem Marmor. Der marmorne Zuber in der Mitte des Raums war schon mit Wasser gefüllt und Rosenblätter schwammen darin. Zielstrebig tapste sie auf die Wanne zu und stieg hinein. Ihr Zeh durchstieß die Wasseroberfläche und sie sog die Luft zischend ein. Das Wasser war eiskalt.
»Oh, v-vergebt mir, Mylady!« Die Stimme des Mädchens klang ängstlich und sie schien um ein paar Fingerbreit geschrumpft. »D-das Wasser ist schon eine Weile eingefüllt. Wartet, ich lasse es ab und hole neues.«
Liliana hob abwehrend die Hand, um sie zurückzuhalten. »Nein, dafür ist keine Zeit.«
Sie biss die Zähne fest zusammen, um einen Aufschrei zu unterdrücken, als sie sich in das Wasser sinken ließ. Gänsehaut überzog ihren Körper. Jedwede weitere Verzögerung würde Lydia nicht dulden, und wenn sie ihren Ärger nicht an ihr auslassen konnte, würde sie mit Sicherheit nicht zögern, es bei ihrer Bediensteten zu tun. Liliana wollte diese Schuld nicht auf sich laden.
Das Mädchen eilte ans Kopfende der Wanne und begann, ihr Haar mit einem Kamm zu entwirren.
»Ich habe dich hier noch nie gesehen. Wie ist dein Name?«
»Mein Name ist Ida, Mylady«, antwortete sie zögernd, dann fuhr sie eifriger fort. »Ich habe heute angefangen. Ihre Gnaden waren sehr gütig zu mir. Ich …«
Liliana hörte ihr schweigend zu und unterbrach sie nicht in ihrem Redeschwall. Froh darum, nichts sagen zu müssen. Sie schloss die Augen und genoss das leichte Ziehen und Zupfen an ihren Haaren.
Sie blendete Idas Geplapper aus und allmählich drifteten ihre Gedanken ab, wanderten zu dem Rebellen und dem Pfeil in Lupins Brust.
Und zu all dem Blut.
Ein metallischer Geschmack legte sich auf ihre Zunge und ihr wurde übel. Sie holte tief Luft und glitt mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche. Nur dumpf hörte sie Idas erschrockenes Quieken. Sie ignorierte es, ließ sich treiben und versuchte die Welt um sich herum auszublenden.
Dunkle Augen tauchten vor ihrem inneren Auge auf und der Blick des Rebellen bohrte sich durch sie hindurch.
Das Bild der rätselhaften weißen Lilie flackerte kurz auf. Gefolgt von Blut. So viel Blut, Schmerz und Tod.
Sie kniff die Augen fest zusammen, ihre Lunge brannte und verlangte nach Luft. Doch die grausamen Bilder ließen sich nicht vertreiben.